Die Wahrheit gibt es nur im Dialog

Ich hatte ein interessantes Gespräch mit Dr. Maik Bohne von der Agentur Raikeschwerdtner, die die Sylter Marketinggesellschaft beauftragt hat, auf Sylt ein Zukunftsforum durchzuführen. Hier seine Fragen und in etwa meine Antworten.

  • Was macht das Leben auf Sylt für Sie aus? Was prägt Sylt?

Sylt ist für mich Meer, Strand, Dünen, Heide, Luft und Licht.
Geprägt wird die Insel u.a. deshalb durch unsere Fokussierung auf den Tourismus, durch das Kapital und die Autolobby.

  • Wie nehmen Sie die Situation auf Sylt aktuell wahr? Hat sie sich im Vergleich zu den vorangegangenen Jahren verändert? Wenn ja: Welche Gründe gibt es Ihrer Meinung nach dafür?

Sylt macht ein sehr erfolgreiches touristisches Marketing. Die Konsequenzen sind leider, dass dieser Erfolg die Menschen und die Natur überfordert. Es gibt immer mehr Bauvorhaben für immer mehr Gäste – der Kreisel dreht sich immer schneller. Das Kapital hat die Insel fest im Griff. Die Kuh wird gemolken, bis sie zusammenbricht. Bei uns hat der Bäcker inzwischen Sonntag zu (wegen Personalmangel) – wir haben die Leistungsgrenzen längst erreicht.
Einige Sylter sind „satt und zufrieden“, einige entwickeln fröhlich immer neue Geschäftsideen. Andere laufen im Turbo, um selbst auch ein Stückchen vom Kuchen zu bekommen (bevor der letzte Bäcker zumacht), wieder andere verlassen die Insel. Viele profitieren direkt oder indirekt oder sind mit Leuten befreundet, die profitieren. Und weil das Hemd näher ist als die Jacke, dreht sich der Turbo immer schneller.

  • Sylt lebt vom Tourismus. Welche Bedeutung sollte er in Zukunft für die Insel haben?

Eine relativierte. Wir brauchen Diversifikation: wir brauchen vom Tourismus unabhängige Firmen, die gut qualifizierte Fachleute anziehen. Sogenanntes „nichtstörendes Gewerbe“, die Digitalisierung  machts möglich. Wir brauchen Wirtschaftsförderungs-Projekte, die denen eine Heimat bieten. Das muss bei Quartiersentwicklungen mitgedacht werden. Bezahlbare Büros gibt es gar nicht auf der Insel.
Mein Traum ist dass wir Gäste anziehen, die wegen der Natur kommen. Dass wir uns auf diese Zielgruppe konzentrieren und alles auf sie hin zuschneiden. Auf die, die sich auf alternative Mobilitätsformen freuen und die sich eine Anreise mit dem Personenzug vorstellen können. Wenn wir Naturliebhaber*innen ansprechen – warum dann nicht über eine autofreie Feriensiedlung nachdenken? Mit ausgebautem Sharingkonzept und wirklich attraktivem ÖPNV (auch zum Strand)?
So zu denken scheint schon sehr radikal zu sein und eine große Portion Mut zu brauchen – und ein Umparken im Kopf. Geht nicht! sagen viele. Aber: die meisten Gäste kommen ja schon lange mit der Bahn! Wir haben uns nur bisher auf die anderen konzentriert und deshalb keine modernen Mobilitätskonzepte entwickelt. Das können wir aber. Die geographische Lage der Insel ist ideal dafür. Wir haben alles, was wir brauchen.

  • Wenn Sie eine To Do-Liste für notwendige Veränderungen auf Sylt schreiben müssten: Was wären die wichtigsten drei Aufgaben, die Sylt gemeinsam angehen müsste?
  1. Ein gemeinsamer Aufbau von Know-How in der Politik gemeinsam mit der Verwaltung in Sachen Mobilitätswende und Bauleitplanung: Was ist möglich? Was muss man tun, damit es geht? Wann muss man anfangen, wo kann man ansetzen? Welche Szenarien sind möglich, welche wollen wir?
  2. Eine Dialogkultur und mehr Projektmanagement. Wichtig ist dass wir Räume schaffen, um Ideen auszutauschen, mit allen Interessierten kreativ neue Entwürfe einer lebenswerten Zukunft schaffen und GEMEINSAM an der Umsetzung arbeiten. Basisdaten erheben, klare Ziele festlegen, daraus Maßnahmen ableiten, Controlling-Instrumente definieren und dranbleiben. Hinschauen, nachjustieren, weitermachen. Bis die Ziele erreicht sind.
  3. Eine mutige und professionelle Mobilitätswende mit einem echten Konzept mit Zielen, Maßnahmen, Zeitplan, Controlling – ich wiederhole mich – mit externer Unterstützung. Das unbedingt innerhalb eines Gesamtkonzeptes kombiniert mit Wohnen und Leben, Tourismus und neuen Ideen einer wirtschaftlichen Weiterentwicklung.

    Das führt dazu stärker in den Blick zu nehmen, dass die Menschen, die hier wohnen und arbeiten auch hier LEBEN können. Leben mit allem was dazu gehört, z.B. Pausen, Zeit für sich selbst und Kreativität, zielloses Beisammensein, nichtkommerzielle Treffpunkte für Kinder, Jugendliche, Familien. Wenn wir auch die wahrnehmen könnten, die sich nicht nach vorne spielen, andere Sprachen sprechen und ohne die es hier gar nicht geht. Interkulturelles Beisammensein, ein Dorfleben das alle einbezieht – jenseits der Kommerzialisierung. Mit einem – ich wiederhole mich weiterhin gerne – echten Konzept mit Zielen, Maßnahmen, Zuständigkeiten, Zeitplan, Controlling.

Wir brauchen eine gemeindeübergreifende Gesprächskultur. Keine Fusion, aber regelmäßige Dialoge zwischen allen Gemeindevertreter*innen auf der Insel, innerhalb derer wir in professionell organisierten Veranstaltungsformaten ergebnisorientiert die drängenden Zukunftsthemen vorantreiben können.

So können wir uns gemeinsam auf den Umbau freuen!

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